{"id":936,"date":"2020-01-29T16:35:51","date_gmt":"2020-01-29T14:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.eraser.org\/?p=936"},"modified":"2023-12-11T15:42:55","modified_gmt":"2023-12-11T14:42:55","slug":"ausbildungsreform-und-die-auswirkungen-auf-studierende-und-auszubildende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.eraser.org\/?p=936","title":{"rendered":"Ausbildungsreform und die Auswirkungen auf Studierende und Auszubildende"},"content":{"rendered":"<p>Die von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geforderte Verk\u00fcrzung der Ausbildungszeiten sowohl an Universit\u00e4ten als auch in Ausbildungsbetrieben bringt nicht nur gesellschaftliche Vorteile mit sich, sondern hat auch gravierende Schattenseiten f\u00fcr die Studierenden und Auszubildenden. Gerade durch die Verschulung des Hochschulstudiums im Rahmen des Bologna-Prozesses wurde die Belastung auf Seiten der Studenten drastisch erh\u00f6ht, was zu entsprechenden [url=http:\/\/www.welt.de\/morgenpost\/article1688557\/Ueberforderte_Studenten_im_Drogenrausch.html]Folgeerscheinungen[\/url] wie Alkoholismus und Drogenkonsum f\u00fchrt. Der Wandel weg vom humanistischen Studium hin zum reinen Ausbildungsstudium l\u00e4\u00dft Wilhelm von Humboldt wohl im Grabe rotieren.<\/p>\n<p>In der Gesellschaft wird das Problem immer noch skeptisch angesehen, im schlimmsten Fall ist sogar von Faulheit der Studierenden die Rede. Diese Haltung entspringt teilweise aus Unwissenheit \u00fcber die Situation, teilweise schlicht aus [url=http:\/\/tinyurl.com\/52d73a]Ignoranz[\/url]. Da\u00df die Problematik eher str\u00e4flichst untersch\u00e4tzt wird und schlichtweg in einer Katastrophe enden kann, zeigt sich an einem Fallbeispiel eines Kommilitonen der Christian-Albrechts-Universit\u00e4t zu Kiel. Leider handelt es sich um keinen Einzelfall, aber in seiner traurigen Brisanz sticht er wohl heraus. Mein langj\u00e4hriger bester Freund G., den ich seit der f\u00fcnften Klasse kannte und der zweienhalb Jahre lang mein Mitbewohner in Kiel war, hat sich im Februar diesen Jahres mit einer Schrotflinte das Leben genommen. G. wurde 27 Jahre alt.<\/p>\n<p>Wie konnte es soweit kommen? Aufgrund der immensen Tragik des Vorfalls (auch f\u00fcr mich pers\u00f6nlich) m\u00f6chte ich die Umst\u00e4nde kurz schildern: G. fiel schon zu Schulzeiten durch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung und Allgemeinbildung auf, ohne dabei als Streber zu gelten. In seiner Freizeit war er sozial engagiert und Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr, wo er im vergangen Jahr zum Oberfeuerwehrmann bef\u00f6rdert wurde.<\/p>\n<p>Nach dem Abitur (Note 1,2) begann G. eine zwei-j\u00e4hrige Ausbildung bei der Bundeswehr, wo er schlie\u00dflich zum Oberleutnant d. R. bef\u00f6rdert wurde. Im Anschluss an seine Dienstzeit fing er ein Studium der BWL an der Uni-L\u00fcneburg an, wo er nach drei Semestern das Vordiplom mit mit Note 1 abschloss; dabei hatte er schon Scheine des Hauptstudiums gemacht. Danach wechselte er den Studienort nach Kiel und gr\u00fcndete mit mir eine WG. Im ersten Jahr hatte er nach wie vor einen sehr guten Studienerfolg, bis sich schleichenderweise eine Ver\u00e4nderung in seinem Tag-Nacht-Rhythmus bemerkbar machte, die schlie\u00dflich in einer schweren Depression m\u00fcndete, durch die seine Studient\u00e4tigkeit zum Erliegen kam. Letztendlich ergab sich dadurch wohl ein negativer R\u00fcckkopplungsmechanismus.<\/p>\n<p>Nun ist es nicht so, da\u00df Familie und Freunde nichts von seinen pers\u00f6nlichen Problemen bemerkt h\u00e4tten. Leider hat, wohl auch aus Unkenntnis, niemand diese Entwicklung vorhergesehen. Nach au\u00dfen machte G. nach wie vor einen lebensfrohen Eindruck, hatte einen gro\u00dfen Freundeskreis und nahm am au\u00dferuniversit\u00e4ren studentischen Leben teil.<\/p>\n<p>Er machte mehrere Praktika in einer Hamburger Reederei, die ihn im letzten Jahr fest anstellen wollte (ohne Abschlu\u00df!). Auf Nachfrage gab er an, innerhalb der n\u00e4chsten zwei Jahre an der CAU einen Abschlu\u00df mehr machen zu k\u00f6nnen, da die von ihm gemachten Scheine aus der Anfangszeit seines Hauptstudiums mittlerweile &#8222;verfallen&#8220; seien. Pikanterweise handelte es sich dabei unter anderem um die von ihm im Grundstudium gemachten Scheine. Als L\u00f6sung des Problems gab er an, die ihm angegebotene Festanstellung in der Reederei annehmen zu wollen und sein Studium als Fernstudium zu beenden, was auch in seinem Umfeld auf gro\u00dfen Zuspruch stie\u00df. Der letztendliche Entschlu\u00df zur Selbstt\u00f6tung bleibt dadurch unverst\u00e4ndlich genug.<\/p>\n<p>Neben der pers\u00f6nlichen Tragik, die sich f\u00fcr einen riesigen Personenkreis (zur Trauerfeier kamen an Familie, Freunden und Kameraden \u00fcber 200 Leute) ergibt, stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Auspr\u00e4gung dieser Problematik. Laut <a href=\"https:\/\/www-ec.destatis.de\/csp\/shop\/sfg\/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,vollanzeige.csp&amp;ID=1021018\">Statistik<\/a> ereignen sich in Deutschland jedes Jahr rund 11.000 Selbstt\u00f6tungen (Stra\u00dfenverkehr 5000). Die j\u00fcngsten Diskussionen \u00fcber das <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article1887805\/Bremen_heizt_Diskussion_ueber_Tempolimit_an.html\">Tempolimit<\/a> zeigen jedoch leider, welche Bereiche des t\u00e4glichen Lebens als Wahlkampfthema taugen und welche nicht. Aber auch auf lokaler Ebene besteht erheblicher Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>Da der Vorfall mich pers\u00f6nlich in eine schwere Krise gest\u00fcrzt hat, in der ich noch heute stecke, habe ich den Versuch gemacht, \u00e4rztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Als Kassenpatient habe ich bei f\u00fcnf verschiedenen \u00c4rzten angerufen, die Antwort war immer die gleiche: Wartezeit drei bis sechs Monate (sic!), vielleicht &#8222;haben Sie Gl\u00fcck und es f\u00e4llt vorher jemand aus&#8220;. Eine interessante Formulierung. Was n\u00fctzt der Gute Wille unter solchen Umst\u00e4nden. Gl\u00fccklicherweise konnte ich mir durch &#8222;Beziehungen&#8220; einen kurzfristigeren Termin organisieren.<\/p>\n<p>Aber auch die Hochschulen m\u00fcssen Verantwortung \u00fcbernehmen. Es darf nicht sein, da\u00df sich die Universit\u00e4ten als Handlanger der Wirtschaft aufstellen und sich zum Ziel machen, innerhalb k\u00fcrzester Zeit &#8222;Fachidioten&#8220; am Flie\u00dfband produzieren zu wollen. Der fromme Wunsch der Studienzeitreduzierung, und zu nichts anderem dienen Ma\u00dfnahmen wie die Einf\u00fchrung &#8222;sich-selbst-terminierender&#8220; Scheine, kann doch nicht \u00fcber die Inkaufnahme von gesundheitlichen Risiken f\u00fcr die Auszubildenden und Studierenden erfolgen. Dies ist auch in Zeiten der Globalisierung einer Dichter- und Denkernation unter humanistischen Gesichtspunkten schlichtweg unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Zur Verbesserung der Situation sollte wieder mehr Wert auf eine umfassende Ausbildung gelegt werden, die sich an der Leistungsf\u00e4higkeit des einzelnen orientiert, anstatt den N\u00fcrnberger Trichter zu bem\u00fchen und sich einen Absolventen &#8222;backen&#8220; zu wollen. Das universit\u00e4re Studium mu\u00df wieder auf die reflexive Bedeutung des Begriffs<em> SICH ereifern<\/em> zur\u00fcckgef\u00fchrt werden und sich nicht auf die blo\u00dfe Ausf\u00fchrung von wie auch immer durchs Bildungsministerium gepr\u00fcgelten Studienordnungen beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Weiterhin mangelt es auch an einer umfassenden Betreuung der Studierenden, die in Sachen Studienberatung ziemlich allein auf weiter Flur stehen. Studium und Ausbildung sind pr\u00e4gende Abschnitte im Leben der Betroffenen, und bei aller geforderten Selbst\u00e4ndigkeit mu\u00df es auch eine entsprechende Infrastruktur zur Unterst\u00fctzung dieser Personengruppen geben.<\/p>\n<p>Mag die Gesellschaft insgesamt sich im <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/article2011342\/Die_zentralen_Aussagen_des_Berichts_im_Ueberblick.html\">Umbruch<\/a> befinden, die gegenw\u00e4rtige Situation gibt Anla\u00df zur Sorge. Es mu\u00df schleunigst \u00fcber generelle Ma\u00dfnahmen nachgedacht werden, um das soziale Gef\u00fcge wieder in Ordnung zu bringen, sonst drohen diesem Lande schwere, schwere Zeiten.<\/p>\n<p>Ruhe in Frieden, mein Freund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geforderte Verk\u00fcrzung der Ausbildungszeiten sowohl an Universit\u00e4ten als auch in Ausbildungsbetrieben bringt nicht nur gesellschaftliche Vorteile mit sich, sondern hat auch gravierende Schattenseiten f\u00fcr die Studierenden und Auszubildenden. 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