Ausbildungsreform und die Auswirkungen auf Studierende und Auszubildende

Datum 20.05.2008 | Thema: Gesellschaft / Zeitgeschehen

Die von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geforderte Verk├╝rzung der Ausbildungszeiten sowohl an Universit├Ąten als auch in Ausbildungsbetrieben bringt nicht nur gesellschaftliche Vorteile mit sich, sondern hat auch gravierende Schattenseiten f├╝r die Studierenden und Auszubildenden. Gerade durch die Verschulung des Hochschulstudiums im Rahmen des Bologna-Prozesses wurde die Belastung auf Seiten der Studenten drastisch erh├Âht, was zu entsprechenden Folgeerscheinungen wie Alkoholismus und Drogenkonsum f├╝hrt. Der Wandel weg vom humanistischen Studium hin zum reinen Ausbildungsstudium l├Ą├čt Wilhelm von Humboldt wohl im Grabe rotieren.
In der Gesellschaft wird das Problem immer noch skeptisch angesehen, im schlimmsten Fall ist sogar von Faulheit der Studierenden die Rede. Diese Haltung entspringt teilweise aus Unwissenheit ├╝ber die Situation, teilweise schlicht aus Ignoranz. Da├č die Problematik eher str├Ąflichst untersch├Ątzt wird und schlichtweg in einer Katastrophe enden kann, zeigt sich an einem Fallbeispiel eines Kommilitonen der Christian-Albrechts-Universit├Ąt zu Kiel. Leider handelt es sich um keinen Einzelfall, aber in seiner traurigen Brisanz sticht er wohl heraus. Mein langj├Ąhriger bester Freund G., den ich seit der f├╝nften Klasse kannte und der zweienhalb Jahre lang mein Mitbewohner in Kiel war, hat sich im Februar diesen Jahres mit einer Schrotflinte das Leben genommen. G. wurde 27 Jahre alt.

Wie konnte es soweit kommen? Aufgrund der immensen Tragik des Vorfalls (auch f├╝r mich pers├Ânlich) m├Âchte ich die Umst├Ąnde kurz schildern: G. fiel schon zu Schulzeiten durch eine au├čergew├Âhnliche Begabung und Allgemeinbildung auf, ohne dabei als Streber zu gelten. In seiner Freizeit war er sozial engeagiert und Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr, wo er im vergangen Jahr zum Oberfeuerwehrmann bef├Ârdert wurde.

Nach dem Abitur (Note 1,2) begann G. eine zwei-j├Ąhrige Ausbildung bei der Bundeswehr, wo er schlie├člich zum Oberleutnant d. R. bef├Ârdert wurde. Im Anschluss an seine Dienstzeit fing er ein Studium der BWL an der Uni-L├╝neburg an, wo er nach drei Semestern das Vordiplom mit mit Note 1 abschloss; dabei hatte er schon Scheine des Hauptstudiums gemacht. Danach wechselte er den Studienort nach Kiel und gr├╝ndete mit mir eine WG. Im ersten Jahr hatte er nach wie vor einen sehr guten Studienerfolg, bis sich schleichenderweise eine Ver├Ąnderung in seinem Tag-Nacht-Rhythmus bemerkbar machte, die schlie├člich in einer schweren Depression m├╝ndete, durch die seine Studient├Ątigkeit zum Erliegen kam. Letztendlich ergab sich dadurch wohl ein negativer R├╝ckkopplungsmechanismus.

Nun ist es nicht so, da├č Familie und Freunde nichts von seinen pers├Ânlichen Problemen bemerkt h├Ątten. Leider hat, wohl auch aus Unkenntnis, niemand diese Entwicklung vorhergesehen. Nach au├čen machte G. nach wie vor einen lebensfrohen Eindruck, hatte einen gro├čen Freundeskreis und nahm am au├čeruniversit├Ąren studentischen Leben teil.

Er machte mehrere Praktika in einer Hamburger Reederei, die ihn im letzten Jahr fest anstellen wollte (ohne Abschlu├č!). Auf Nachfrage gab er an, innerhalb der n├Ąchsten zwei Jahre an der CAU einen Abschlu├č mehr machen zu k├Ânnen, da die von ihm gemachten Scheine aus der Anfangszeit seines Hauptstudiums mittlerweile "verfallen" seien. Pikanterweise handelte es sich dabei unter anderem um die von ihm im Grundstudium gemachten Scheine. Als L├Âsung des Problems gab er an, die ihm angegebotene Festanstellung in der Reederei annehmen zu wollen und sein Studium als Fernstudium zu beenden, was auch in seinem Umfeld auf gro├čen Zuspruch stie├č. Der letztendliche Entschlu├č zur Selbst├Âtung bleibt dadurch unverst├Ąndlich genug.

Neben der pers├Ânlichen Tragik, die sich f├╝r einen riesigen Personenkreis (zur Trauerfeier kamen an Familie, Freunden und Kameraden ├╝ber 200 Leute) ergibt, stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Auspr├Ągung dieser Problematik. Laut Statistik ereignen sich in Deutschland jedes Jahr rund 11.000 Selbst├Âtungen (Stra├čenverkehr 5000). Die j├╝ngsten Diskussionen ├╝ber das Tempolimit zeigen jedoch leider, welche Bereiche des t├Ąglichen Lebens als Wahlkampfthema taugen und welche nicht. Aber auch auf lokaler Ebene besteht erheblicher Handlungsbedarf.

Da der Vorfall mich pers├Ânlich in eine schwere Krise gest├╝rzt hat, in der ich noch heute stecke, habe ich den Versuch gemacht, ├Ąrztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Als Kassenpatient habe ich bei f├╝nf verschiedenen ├ärzten angerufen, die Antwort war immer die gleiche: Wartezeit drei bis sechs Monate (sic!), vielleicht "haben Sie Gl├╝ck und es f├Ąllt vorher jemand aus". Eine interessante Formulierung. Was n├╝tzt der Gute Wille unter solchen Umst├Ąnden. Gl├╝cklicherweise konnte ich mir durch "Beziehungen" einen kurzfristigeren Termin organisieren.

Aber auch die Hochschulen m├╝ssen Verantwortung ├╝bernehmen. Es darf nicht sein, da├č sich die Universit├Ąten als Handlanger der Wirtschaft aufstellen und sich zum Ziel machen, innerhalb k├╝rzester Zeit "Fachidioten" am Flie├čband produzieren zu wollen. Der fromme Wunsch der Studienzeitreduzierung, und zu nichts anderem dienen Ma├čnahmen wie die Einf├╝hrung "sich-selbst-terminierender" Scheine, kann doch nicht ├╝ber die Inkaufnahme von gesundheitlichen Risiken f├╝r die Auszubildenden und Studierenden erfolgen. Dies ist auch in Zeiten der Globalisierung einer Dichter- und Denkernation unter humanistischen Gesichtspunkten schlichtweg unw├╝rdig.

Zur Verbesserung der Situation sollte wieder mehr Wert auf eine umfassende Ausbildung gelegt werden, die sich an der Leistungsf├Ąhigkeit des einzelnen orientiert, anstatt den N├╝rnberger Trichter zu bem├╝hen und sich einen Absolventen "backen" zu wollen. Das universit├Ąre Studium mu├č wieder auf die reflexive Bedeutung des Begriffs studere = SICH ereifern zur├╝ckgef├╝hrt werden und sich nicht auf die blo├če Ausf├╝hrung von wie auch immer durchs Bildungsministerium gepr├╝gelten Studienordnungen beschr├Ąnken.

Weiterhin mangelt es auch an einer umfassenden Betreuung der Studierenden, die in Sachen Studienberatung ziemlich allein auf weiter Flur stehen. Studium und Ausbildung sind pr├Ągende Abschnitte im Leben der Betroffenen, und bei aller geforderten Selbst├Ąndigkeit mu├č es auch eine entsprechende Infrastruktur zur Unterst├╝tzung dieser Personengruppen geben.

Mag die Gesellschaft insgesamt sich im Umbruch befinden, die gegenw├Ąrtige Situation gibt Anla├č zur Sorge. Es mu├č schleunigst ├╝ber generelle Ma├čnahmen nachgedacht werden, um das soziale Gef├╝ge wieder in Ordnung zu bringen, sonst drohen diesem Lande schwere, schwere Zeiten.

Ruhe in Frieden, mein Freund.



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